Poetry

Das Testament

Wir saßen da, ganz seriös, 

und blickten zurück aufs Leben. 

Meine Frau zückte Papier und Stift, 

sie war hochkonzentriert, ja fast nervös, und meinte: 

„Mein Schatz, da müssen wir durch. 

Man weiß ja nie, obs Leben plötzlich endet. 

Mit Mitte 80 kanns uns passieren, 

dass der Sensenmann uns erwischt 

und mit uns über den Jordan huscht.“

Und so saßen wir da und schrieben das Testament. 

Jeder dachte nach, was er so hatte, 

verteilte Schmuck, Geschirr, die Gemälde, 

wer kriegt den Fernseher, wer das Auto, 

wer das Haus, wer die langgehegten Schulden? 

Dann beide unterschrieben wir, 

schön ordentlich, den Nachlass an die liebe Verwandtschaft. 

Schwarz auf weiß stand es da, 

dann verstauten wir es im Tresor und gaben uns ein Küsschen. 

„So, mein Liebling“, sagte sie dann, 

„Nun ist es Zeit, etwas zu essen. 

Knurrt dir nicht auch schon der Magen, 

nach soviel erblichem Unbehagen?“

„Oh ja“ sagte ich und geriet in Verzückung. 

Ich dachte, vielleicht gibt es ein Schnitzel, 

einen Braten und Knödel dazu. 

Ein halbes Stündchen später rief sie mich, 

ich war schon ganz heiß aufs leckere Rehragout. 

„Komm, mein Liebster, das Essen ist fertig!“, 

flötete sie leicht und mit strahlender Röte im Gesicht. 

Ich stürmte vor Freude in die Küche, dann stockte ich. 

Denn da stand auf dem Tisch, 

ganz unschuldig, 

mit Salatgarnitur und im Kerzenlicht:

Knödel ja, und dazu: 

ein kunterbuntes Pilzgericht.

error: Content is protected !!