Ich bin sie - Poetry - Susanna Constantin
Poetry

Ich bin sie. 

Anne, Anne Marschall, die Frau, das Opfer, die Täterin. Die grazile, zerbrechliche, kluge, intelligente, kultivierte Frau mit nur einem Auge. Ein Auge, weil man ihr Böses wollte. Als junges Mädchen verhöhnt, ausgegrenzt, gemobbt, gefoltert. Als ich sie beschrieb, brach es aus mir hervor. All die Häme, all die Boshaftigkeiten. Die Angst, in die Schule zu gehen und wieder verletzt zu werden. Von diesen Mädchen, die so groß und breit und so verdammt viele waren. Deren Blicke reichten, um mich in eine Ecke zu drängen. Deren Worte Schuld hatten an dem unheilbaren Bauchweh. Deren Hass meine schlechten Schulnoten als Folge hatten, weil ich nicht mehr lernen konnte. Ich konnte den Lehrern nicht folgen, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mich vor ihnen zu verstecken. 

Sie haben meine Dinge beschmutzt, meine Werke zerstört. Mich ausgelacht, mir Hassbriefchen geschickt. Mir Freundschaften vorgegaukelt, wenn sie betrunken waren, um mich am nächsten Tag wieder damit aufzuziehen, wie ich angezogen war. Sie haben die Schulwände mit Parolen beschmiert, die gegen mich gerichtet waren. 

Ich habe mich nie getraut, etwas zu sagen. Eines Tages lies es nach, sie hatten wohl Besseres zu tun. Oder sie waren sich plötzlich zu gut dafür. Ihr Interesse galt anderen Dingen, welch eine Erleichterung machte sich in mir breit. Hätte ich mich dann noch wehren sollen? All die kleinen Dinge aufzählen, mit denen sie mir das Leben schwer machten? Zugeben, dass ich zu schwach war, gegen sie zu kämpfen? 

Ich habe einen anderen Weg gefunden. Er hieß Anne, Anne Marschall. Anne hat es nie gegeben, sie ist eine Erfindung. Anne war mein Racheengel. Ich habe ihr Macht verliehen, ihr die Instrumente gegeben, die sie brauchte, um für Vergeltung zu sorgen. Und wie böse sie war: sie riss die Zunge der einen heraus, die so svhlimm geschwatzt hatte. Sie schnitt den Finger an anderen ab, die immer auf sie gezeigt hatte. Sie verätzte die Augen der dritten, die sie mit all diesen fiesen Blicken bedacht hatte und sperrte die letzte ein, die all diese furchtbaren Momente mit angesehen hatte, ohne auch nur ein einziges Mal zu reagieren.

Der Krimi ist abgrundtief, genau wie es das Leben sein kann. Der Autor erfindet, er schwelgt, er lebt und leidet mit seinen Figuren. Er zieht sich zurück, geht in seine Welt, um dem Bösen ein Gesicht zu geben. Der Autor mag grausam erscheinen, dabei ist er doch nur ein Erzähler, ein Beobachter, ein Berichterstatter, der aufzeigt, was da draussen vor unseren Türen geschieht. 

Der Autor übertreibt, manchmal auch maßlos, doch wer sind wir, dieses Maß zu messen? Und so bitt ich euch, ihr Leser, lest auch zwischen den Zeilen und denkt darüber nach, was dem Autor vielleicht wiederfahren ist, das ihn seine Zeilen schreiben ließ. 

Ich bin viele, ich bin sie – und danke Anne, für die Stimme, die du mir verleihst. 

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