Das feministische Greenhorn

Projekt FlowerPower: “Soll ich aushelfen?”

In dieser Folge erzählt uns Jasmin, was ihre Großmutter erlebt hat, als sie nach vielen Schwangerschaften einmal beschloss, ihrem Körper eine Ruhepause zu gönnen.

„Meine Oma lebte 1940 in einem Dorf mit einer Kirche, einem Brunnen und ihrem Gasthof. Der Gasthof war Treffpunkt des Dorfes, alles spielte sich hier ab. Meine Oma arbeitete dort jeden Tag. Sie hatte mehrere Kinder, bediente die Gäste, kochte, wusch, und sorgte dafür, dass der Pfarrer jeden Sonntag nach der Messe ein ordentliches Mittagessen bekam.

Meine Oma hatte viele Kinder und beschlossen, dass sie ein Jahr lang nicht schwanger werden wollte. Nicht aus Trotz oder Prinzip, sondern weil sie einfach müde und ausgelaugt war. Sie wollte sich erholen, die Kinder versorgen und ihren Körper einmal nicht schon wieder durch eine Schwangerschaft belasten. Im Dorf sprach sich so etwas schnell herum.

Der Pfarrer aß jeden Sonntag im Gasthof. Er hatte seinen festen Platz. Er wurde respektiert, und seine Meinung hatte Gewicht. Irgendwann sprach er meine Oma auf ihren Wunsch an. Zuerst allgemein, mit Hinweisen auf Ehepflicht und göttliche Ordnung. Dann direkter. Er bot an, „auszuhelfen“, falls ihr Mann dazu nicht bereit sei.

Meine Oma erzählte später, sie habe im ersten Moment gedacht, es sei ein schlechter Scherz. Als sie merkte, dass es keiner war, wurde sie deutlich. Sie sagte ihm, dass ihr Körper sie selbst angehe und dass sie sich solche Vorschläge verbitte. Sie stritten heftig und sie verbot ihm, weiterhin sonntags kostenlos in ihrem Wirtshaus zu essen. Der Pfarrer verließ das Wirtshaus verärgert und tauchte in den folgenden Wochen nicht mehr auf.

Das blieb nicht unbemerkt. Ein leerer Platz am Sonntag fällt auf. Es wurde gefragt, gemutmaßt, gedeutet. Oma wurde zum Dorfgespräch. Dass der Pfarrer eine Grenze überschritten hatte, war kein Thema. Stattdessen wurde darüber gesprochen, was meine Oma gesagt oder getan haben könnte, um ihn zu verärgern.

Manche mieden sie. Andere machten Anspielungen. Es wurde gelacht, wenn sie vorbeiging. Nicht offen feindselig, aber sie spürte die abschätzigen Blicke. Der Pfarrer kam nach einigen Wochen wieder. Er setzte sich an seinen Platz, sprach ein Gebet, aß wie früher. Über den Vorfall wurde öffentlich nicht mehr gesprochen. Meine Oma arbeitete weiter wie zuvor. Sie führte den Gasthof, versorgte ihre Kinder und blieb im Dorf.

Für mich zeigt diese Begebenheit vor allem eines: Wie selbstverständlich sich damals manche Männer über die Grenzen einer Frau hinwegsetzten und wie selbstverständlich die Verantwortung am Ende bei der Frau landete, wenn sie widersprach. Meine Oma wollte nur ein Jahr Pause. Was daraus wurde, war eine Lektion darüber, wie wenig selbstverständlich Selbstbestimmung damals war.

Mein Opa allerdings, der ein wunderbarer Mann war, stand in all der Zeit zu seiner Frau und war stolz auf sie, weil sie sich zur Wehr gesetzt hatte.”

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