Projekt FlowerPower: Ein neues Zuhause, das keines mehr war.
In dieser Folge erzählt uns Löwenzahn, was ihr vor einem knappen Jahrzehnt widerfahren ist: Eine Geschichte, die mit Liebe begann und in Existenzangst endete.
“Es war Januar 2017. Ich war damals 49 Jahre alt und glaubte noch an die große Liebe. Voller Überzeugung habe ich mein Zuhause in der Nähe von Bozen aufgegeben. Zwanzig Jahre lang hatte ich dort gelebt. Für mich war es ein Ort, an dem gefühlt vierundzwanzig Stunden am Tag die Sonne schien. Dann zog ich zu meinem neuen Partner in eine andere Gegend, ein schönes Tal in Südtirol.
Ich glaubte an seine handgeschriebenen Briefe. Ich glaubte an seine täglichen Versprechen. Er sprach davon, dass wir gemeinsam ein Haus bauen würden und darin alt werden. Diese Vorstellung trug mich durch viele Zweifel.
Fast zwei Jahre vergingen, bis wir tatsächlich mit dem Umbau begannen. In dieser Zeit hätte ich wohl mehr als einmal Grund gehabt, das Tal wieder zu verlassen. Aber ich blieb. Der Glaube an die große Liebe hielt mich fest.
Der Alltag war nicht immer leicht. Seine Mutter saß täglich mit am Tisch, und fast jedes Wochenende war auch seine kleine Tochter da. Ich war es gewohnt gewesen, meine Freiheit zu genießen. Plötzlich fühlte ich mich von allem erdrückt. Oft wollte ich gehen, aber ich wusste nicht wohin.
Dann kam endlich der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte. Unser neues Zuhause war fertig. Alles war neu, und ich hatte jedes Detail mit ganzem Herzen mitgestaltet.
Zum ersten Mal seit Jahren hatte ich wieder einen eigenen Eingang, meine eigene Tür. Fast drei Jahre lang hatte ich mir den Eingang mit seiner Mutter teilen müssen. Jetzt fühlte es sich an, als würde endlich auch für mich in dieser neuen Heimat wieder die Sonne aufgehen.
Ich wachte morgens neben meinem Partner in unseren eigenen vier Wänden auf und dachte: Jetzt beginnt unser gemeinsames Leben. Ich war glücklich. Wirklich glücklich.
Und dann kam der Moment, der alles veränderte.
Angst kannte ich aus meinem Leben. Nach zehn Operationen weiß man, was Angst ist. Ich kannte auch Trauer. Ich hatte fast meine ganze Familie verloren. Aber ein Gefühl hatte ich bis dahin noch nie erlebt: Existenzangst. Es ist schwer zu beschreiben. Es fühlt sich an, als würde sich der Boden unter den Füßen lösen, während über dir nur noch ein leerer Himmel bleibt. Mein Lebensgefährte sagte mir eines Tages ganz nüchtern, dass er seit einem halben Jahr andere Interessen habe. Andere Frauen. Und ich solle mir so schnell wie möglich eine neue Bleibe suchen. So einfach war das.
So eine Ansage nach vielen Jahren des Aus- und Durchhaltens. Nach Jahren, in denen ich geglaubt hatte, Liebe müsse alles zusammenhalten. Nach all der Arbeit, nach all den Hoffnungen. Gerade jetzt, wo endlich Ruhe eingekehrt war. Seine Mutter war inzwischen im Altersheim, seine Tochter ging ihre eigenen Wege.
Und genau in diesem Moment sollte ich gehen. Raus. Weg. Fort von dem Ort, den ich für meine Zukunft gehalten hatte. Die Frage, die plötzlich über allem stand, war eine ganz einfache und gleichzeitig die schwerste: Wohin gehöre ich jetzt? Ich wusste es nicht.
Ich lebte noch einige Monate mit ihm im selben Haus, bis ich schließlich eine kleine Wohnung fand. Diese Monate waren hart. Rückblickend weiß ich selbst nicht mehr genau, wie ich sie überstanden habe. Meine Arbeit und zu viel Alkohol haben mich irgendwie durch diese Zeit gebracht.
Heute verstehe ich erst, was Existenzangst wirklich bedeutet. Sie ist stärker als Trauer. Sie ist stärker als körperlicher Schmerz. Es ist das Gefühl, plötzlich nicht mehr zu wissen, wie das eigene Leben weitergehen soll.
Und alles begann mit einem Traum. Mit dem Glauben an das Gute. Mit dem Glauben an Liebe und an ein gemeinsames Zuhause. Manchmal bricht genau das weg, worauf man am meisten gebaut hat.”


