Das feministische Greenhorn

Projekt FlowerPower: “Der lange Weg zur Diagnose”

In dieser Folge berichtet uns Pfingstrose, wie lange es gedauert hat, bis ihre Symptome endlich ernst genommen wurden – und vor allem, WARUM!

„Vor einigen Jahren habe ich mich entschieden, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, nachdem ich an meinem Wohnort überfallen worden war. Dieses Erlebnis hat vieles in mir ausgelöst. Ich wollte verstehen, was in meinem Inneren passiert und warum mich bestimmte Dinge schon lange so stark fordern. Mit meiner ersten Psychologin war ich nicht zufrieden. Ich fühlte mich nicht richtig gesehen und ernst genommen. Nach einiger Zeit wechselte ich. Insgesamt war ich bei drei verschiedenen Psychologinnen. Bei allen drei habe ich das Thema ADHS angesprochen, weil ich mich seit Jahren mit vielen der beschriebenen Symptome identifizierte. Zwei von ihnen sagten mir klar, dass ich kein ADHS hätte, obwohl für mich zahlreiche Anzeichen eindeutig passten. Ich funktionierte nach außen, war organisiert, schaffte meine Aufgaben. Gleichzeitig war ich innerlich ständig unter Strom, schnell überfordert, reizempfindlich und mental erschöpft. Erst bei der dritten Psychologin bekam das Thema ausreichend Raum. Wir haben mehrere Stunden intensiv darüber gesprochen und uns differenziert mit der Möglichkeit einer ADHS-Diagnose auseinandergesetzt. Es folgten zahlreiche Tests. Zunächst waren alle Ergebnisse unauffällig. Objektiv sprach scheinbar vieles gegen ADHS.

Trotzdem blieb das Gefühl, dass etwas Grundsätzliches übersehen wurde. Deshalb gingen wir einen Schritt weiter. Schließlich wurden meine Dopamin- und Noradrenalinwerte im Gehirn gemessen. Ab diesem Moment war klar, dass die Diagnose ADHS zutraf. Nach vielen Gesprächen, vielen Tests und auch nach erheblichen finanziellen Aufwendungen hatte ich endlich Gewissheit. Was mich im Rückblick besonders beschäftigt, ist die Frage, warum dieser Weg so lang war. Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass sich viele diagnostische Kriterien historisch am männlichen Erscheinungsbild von ADHS orientieren. Das Bild des hyperaktiven, auffälligen Jungen prägt bis heute das öffentliche und fachliche Verständnis. Weibliche Ausprägungen zeigen sich oft anders. Sie äußern sich häufiger in innerer Unruhe, Überanpassung, starkem Kompensationsverhalten, Perfektionismus oder chronischer Selbstüberforderung. Diese Formen sind weniger sichtbar und werden deshalb schneller übersehen. Hier beginnt für mich auch der gesellschaftliche Teil dieser Geschichte. Wenn medizinische und psychologische Maßstäbe überwiegend an männlichen Erfahrungswerten entwickelt werden, entstehen blinde Flecken. Frauen lernen früh, sich anzupassen und zu funktionieren. Viele von uns tragen ihre Überforderung und sprechen nicht darüber, denken, sie seien „wehleidig“ oder „zu empfindlich“. Genau deshalb werden wir später oder gar nicht diagnostiziert.“

Lasst uns diese Systeme kritisch hinterfragen. Es geht nicht darum, gegen Fachpersonen zu arbeiten, sondern darum, weibliche Erfahrungen ernst zu nehmen und Forschung sowie Diagnostik weiterzuentwickeln.

Die Geschichte von Pfingstrose ist keine Ausnahme. Sie zeigt, wie wichtig es ist, der eigenen Wahrnehmung, dem Körpergefühl zu vertrauen und auch mehrere Anläufe zu starten, bis frau Gewissheit hat.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

error: Content is protected !!