Projekt FlowerPower: “Du gehörst jetzt schließlich (zu) mir!”
Gerbera: Eine Geschichte über ein leeres Klingelschild und eine Frau, die sich nicht einsperren ließ.
Gerbera ist eine der stärksten Frauen die ich kenne. Wir haben uns vor etwa vier Jahren kennengelernt. Wir wissen alle, dass das Jahr 2021 kein einfaches war. Gerbera und ich haben zu jener Zeit, in der viele Geschäfte geschlossen waren, immer zur selben Zeit im gleichen Laden eingekauft und sind ins Gespräch gekommen. Als man dann endlich wieder ausgehen durfte, haben wir uns zu einem Kaffee verabredet und uns über vieles unterhalten. Dabei haben wir gemerkt, dass wir im Leben ähnliche Dinge erlebt haben. Nun sind wir richtige Besties 😊.
Gerbera hat mir kürzlich bei einem Kaffee ihre Geschichte erzählt. Etwas wusste ich davon schon, aber von einem ganz bestimmten Detail hatte ich bis dahin noch nicht erfahren. Dieses Detail ist etwa zwei Zentimeter hoch und sieben Zentimeter lang: ein Klingelschild. Und die Sache mit dem Klingelschild hat mich verdammt wütend gemacht.
„Wir waren etwa drei Jahre lang zusammen. Am Anfang war Max ein Mann, der mich auf Händen trug, mir die Welt zu Füßen legte, ich war seine Königin. Er las mir jeden Wunsch von den Augen ab, es fehlte mir an überhaupt nichts. Ich liebte ihn und war mir zu hundert Prozent sicher, dass er der Mann meines Lebens war.
Mit der Zeit veränderte Max sich. Er stellte immer mehr Forderungen, wollte, dass ich meine Heimat für ihn verlasse, um in seine Stadt zu ziehen. Er verlangte, dass ich meine Familie nicht mehr sehe, dass ich mich von meinen Freundinnen verabschiede, dass ich einfach nur mehr mit ihm zusammen bin. Er wollte, dass wir unsere Konten zusammenlegen. Um die Finanzen würde er sich kümmern, sagte er. Er würde sich um alles kümmern, ich sollte bei ihm einziehen, es würde mir gut bei ihm gehen. Arbeiten gehen sollte ich auch nicht mehr, sein Geld würde für uns beide reichen. Das war sein Versprechen und mein beinaher Untergang.
Meine Familie verlassen, die mir alles bedeutete. Meine Schwester, meinen Bruder, meine Mama. Nie im Leben!, sagte ich ihm, und dann dachte ich mir, wir würden sicher einen Kompromiss finden. Ich steckte zurück, ging zu ihm, ließ mir mein neues Zuhause zeigen. Ja, die Wohnung war schön, und die Aussicht auf ein Leben mit ihm ja eigentlich auch. Doch dann fiel mir etwas auf, und ich sprach ihn darauf an: „Du, was ist eigentlich mit dem Klingelschild? Warum ist da nur dein Name drauf?“ – „Ach“, meinte er beiläufig. „Es reicht doch, wenn mein Name draufsteht. Deiner muss da nicht mit dazu. Du gehörst jetzt schließlich zu mir.“
Nach der Trennung ließ ich mich von einer Psychologin beraten. Ich fragte mich immer wieder, warum ich auf so einen Mann hereingefallen war. Sie suchte die Ursache in meiner Vergangenheit und stieß dabei auf meinen Vater, der mich seit meiner Kindheit lieblos und abschätzig behandelt hatte. Ich hatte in Max einen Mann gefunden, der mich erst wie eine Königin behandelt und dann zu seiner Gefangenen gemacht hatte. Dabei hatte ich mich doch einfach nur nach Nähe gesehnt.
***
Wie kann ein Mensch es nur wagen, einen anderen zu annullieren, fragte ich mich, als ich Gerberas Geschichte gehört hatte. Er wollte sie von der eigenen Familie wegholen, von ihren Freundinnen und Freunden trennen, ihr das Konto und die Arbeit nehmen. Max wollte sie von der Außenwelt abkapseln, ihr die Existenz nehmen, indem er ihren Namen auf dem Klingelschild zu ihrem neuen Zuhause – oder sagen wir vielleicht doch besser Käfig – verleugnete. Gerbera sollte für niemanden mehr existieren, nur noch für ihn. Das, liebe Blumen, ist keine Liebe. Das ist Gewalt. Ich bin froh, dass Gerbera den Weg gefunden hat, ihn zu verlassen. Dass sie Stärke bewiesen hat und sich beraten ließ und nun kein Problem mehr damit hat, alleine zu bleiben. Und ich will, dass sie weiß, dass ich immer für sie da sein werde.


