Projekt FlowerPower: “Das Teufelszeug verkauf ich nicht!”
In der heutigen Folge erzählt uns Gänseblümchen von einer Erfahrung, die sie in den 1970er Jahren in einem Dorf am Bodensee gemacht hat. Es ist gerade einmal 50 Jahre her und klingt fast ein bisschen nach grauem Mittelalter.
1970 kam Gänseblümchen aus der Stadt in ein kleines Dorf am Bodensee. Sie war frisch verheiratet und lebte nun mit ihrem Mann in einer Umgebung, in der vieles langsamer ging und so manches enger gedacht wurde. In der Stadt hatte sie sich kurz vor dem Umzug noch um einen Arzttermin gekümmert. Sie wollte selbst entscheiden, wann sie Kinder bekommen würde. Der Arzt, der für damalige Zeiten schon recht „modern“ dachte, stellte ihr ein Rezept für die Anti-Baby-Pille aus. Für sie war das nichts Ungewöhnliches. Es war eine Möglichkeit, ihr Leben zu planen.
Ein paar Tage später stand sie in der einzigen Apotheke des Dorfes. Sie legte das Rezept auf den Tresen und wartete. Der Apotheker nahm das Papier, überflog es und sah sie dann lange an. Schließlich schob er es zurück. Er sagte, so etwas gebe er hier nicht aus. Das sei gegen die Natur. Und überhaupt sei die Pille „Teufelszeug“. Gänseblümchen versuchte zu erklären, dass sie ein ärztliches Rezept habe. Dass es ihre Entscheidung sei, die Pille zu nehmen. Dass sie einfach nur ein Medikament abholen wolle. Der Apotheker blieb dabei. In seinem Geschäft würde es das nicht geben. Sie verließ die Apotheke ohne die Pille und mit dem Gefühl, dass ein anderer über ihren Körper bestimmen wollte.
Am darauffolgenden Sonntag saß sie in der Kirche. Das ganze Dorf war da. Der Pfarrer sprach über Moral, über Ordnung und über die Aufgabe der Ehefrau. Irgendwann kam er auf die Verhütung zu sprechen. Er nannte sie einen Eingriff gegen den göttlichen Plan. Etwas, das Familien zerstöre und Menschen von ihrem richtigen Weg abbringe. Gänseblümchen wusste, dass sie gemeint war. Zwar hatte der Pfarrer sie nicht namentlich genannt, aber verstanden hatten es alle.
Gänseblümchen fuhr einige Tage später wieder in die Stadt. Dort löste sie ihr Rezept ohne Diskussion ein. Sie empfand es nicht als Triumph oder Sieg, es ging ihr einfach nur darum, selbst und gemeinsam mit ihrem Mann darüber entscheiden zu dürfen, wann sie schwanger werden wollte, denn schließlich ging es um ihren Körper.
Hintergrund: Die Geschichte der Pille
Die Antibabypille wurde Anfang der 1960er-Jahre entwickelt und kam 1960 in den USA erstmals auf den Markt. In Europa verbreitete sie sich wenig später, in Deutschland wurde sie in den 1960er-Jahren eingeführt. Sie galt als medizinischer und gesellschaftlicher Einschnitt, weil sie Frauen erstmals eine relativ sichere Möglichkeit gab, selbst über eine Schwangerschaft zu entscheiden. Gleichzeitig war sie von Anfang an umstritten. Besonders die katholische Kirche lehnte künstliche Verhütung strikt ab. 1968 bekräftigte Papst Paul VI diese Haltung in der Enzyklika Humanae Vitae. Darin wurde jede Form künstlicher Empfängnisverhütung als moralisch unzulässig bezeichnet. In vielen ländlichen Regionen prägte diese Haltung den Alltag stark. Selbst wenn die Pille rechtlich erhältlich war, bedeutete das nicht, dass sie überall akzeptiert oder problemlos zugänglich war.


