Feministisches Greenhorn Lipstick
Das feministische Greenhorn

Rebellischer Kussmund

Nein, rote Lippen sind nicht (nur) zum Küssen da. Rote Lippen helfen auch beim Protestieren. 

Von den Ägyptern zu Eva.

Just a little bit of history, wobei ich nicht bei den Ägyptern beginnen möchte, die auch schon Farbstoffe auf ihre Lippen auftrugen und mit ordentlich Kajal zum Ball gingen. 

Im 19. Jahrhundert galten rote Lippen als Kennzeichen unmoralischer Frauen, sprich, Prostituierte trugen sie, um mit ihren Reizen nicht zu geizen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trugen Skandalnudeln roten Lippenstift, später wurde er als Befreiungsgeste gewertet. Das US-Militär gab einen Lippenstift in Auftrag, der mit der Farbe der Uniformen harmonierte. Die Farben „Victory Red“ und „Patriot Red“ von Elizabeth Arden sollten die Moral der amerikanischen Frauen im Kriegsdienst aufrechterhalten. Auch der britische Premier rief Frauen dazu auf, Lippenstift zu tragen. Der geschminkte rote Mund kontrastierte mit der Nazi-Ideologie, die Frauen ungeschminkt und natürlich haben wollte. Immer schön klein und unauffällig bleiben… Ob Eva B. wohl heimlich einen roten Lippenstift in ihrer Handtasche beherbergte?

Rosies Fuß auf Seinem Kampf. 

Rosie the Riveter war die Powerfrau der 40er. Eine Kunstfigur, geschaffen, um US-Amerikanerinnen für kriegswichtige Jobs zu gewinnen. Die Botschaft war simpel: Wer einen Mixer bedienen kann, schafft auch den Umgang mit einer Bohrmaschine. Rote Lippen und frisches Rouge sollten zeigen, dass die Würde trotz Krieg, Hunger und Schutt ungebrochen war. Rosies Look bestand aus hochgesteckten Haaren, Tüchern, Overalls und einem rot geschminkten Mund. Die berühmten „Victory Rolls“ wurden zum internationalen Trend, in Deutschland sogar „Entwarnungsfrisur“ genannt. Norman Rockwell verewigte Rosie schließlich als patriotische Arbeiterin: Butterbrot in der Hand, Nietgerät auf dem Schoß, und der Fuß ganz nebenbei auf Mein Kampf.

Ist die Natur nicht gut genug?

Der rote Lippenstift steht also für Befreiung und Aufbruch und starkes Frausein. Andererseits frage ich mich, warum wir uns eigentlich Morgen für Morgen schminken oder, wie ich es an manchen Tagen gerne nenne: restaurieren. Um zu gefallen und unsere Augenringe zu kaschieren. Um die Farbe unserer Augen hervorzuheben und unseren Mund glänzender und größer zu machen, um rosige Wangen zu haben, die Gesundheit signalisieren. Um verrucht, reizend, lieblich, hübsch und überhaupt präsentabel zu sein. Für wen? Für unsere Männer, für die Kunden, für uns selbst? Warum verstecken wir Frauen (oder zumindest sehr viele von uns) hinter dieser Maske aus Make-Up, Lidschatten, Rouge und Lippenstift? Warum zeigen wir unsere Falten denn nicht einfach und stehen dazu, dass uns die letzte Nacht am Kinderbett oder in der Disco fix und fertig gemacht hat? 

Mögliche Antwort: Weil das System es uns so gelehrt hat. Wir sollen hübsch sein, um weiterzukommen. Um anzukommen. Die Hochglanzblätter und riesigen Werbeflächen in den Parfümerien zeigen diese gottgegebenen Gesichter mit den perfekten Lippen, noch ein Tränchen von Coco Chanel dazu (das war die mit der Hose) und schon sind wir unweigerlich unwiderstehlich. Aber sollten wir nicht auch in natura so richtig unwiderstehlich sein? Ja sogar wenn wir “nude” erscheinen wollen, brauchen wir die richtigen Farbtöpfchen dafür. Und von den Preisen für diese Farben fang ich gar nicht erst an zu schreiben. 

Dagegen! Und mein Lippenstift ist es auch…

Konzentrieren wir uns auf die Lippen der Feministinnen in den 1970ern, die um ihre Selbstbestimmung rangen. Über ihre Körper, ihre Berufe, ihr ganzes Leben. Das Make-up landet mitten im politischen Kreuzfeuer: Die einen verstehen es als Mittel der Unterdrückung, die anderen sehen darin die Emanzipation. Während einige Aktivistinnen Schminke strikt ablehnen, tragen andere Rot mit voller Absicht. Nicht die Farbe sei entscheidend, sagen sie, sondern die Motivation dahinter: Wer Make-up für sich selbst nutzt, verwandelt es vom patriarchalen Diktat in ein Werkzeug der Selbstbestimmung. Diese Debatte flammt bis heute immer wieder auf, doch über ihr steht inzwischen ein breiter Konsens: Jeder Mensch darf mit seinem Körper tun, was er will.

Parallel dazu schreibt der rote Lippenstift Popkulturgeschichte. Marilyn Monroe macht ihn zur Ikone der Verführung, Madonna zum Symbol des Aufbegehrens. In den 80ern und 90ern wird er zum festen Bestandteil des „Power Dressings“: Frauen in Politik, Wirtschaft und Medien nutzen die Farbe, um Präsenz und Stärke zu markieren. Mit Schulterpolstern in den Statement-Blazern und kräftigen Rottönen entsteht eine neue Art Weiblichkeit: selbstbewusst, laut, unübersehbar. Der sogenannte Lipstick Feminism entsteht aus dieser Bewegung. 

Victory Red in Zeiten der Banane. 

Dass Rot auch in Zeiten der Krise zu neuen Kräften mobilisiert, lässt sich sogar statistisch belegen: Wenn die Welt brennt, steigt der Lippenstiftverkauf. Bei der #MeToo-Bewegung wurde Rot erneut zum Kampfsignal: Hashtags wie #RedForRevolution und #PowerLips zeigten, dass ein roter Mund mehr sein kann als ein Look. Er ist ein Statement. 

Eine der jüngsten Ikonen dieses Symbols ist Alexandria Ocasio-Cortez. 2018 wird sie mit 28 Jahren die jüngste Kongressabgeordnete der US-Geschichte und trägt fast immer kräftiges Rot auf den Lippen. Für viele junge Aktivist:innen ist sie der Beweis, dass politische Schärfe und äußerer Ausdruck kein Widerspruch sind. Auf TikTok rufen Aktivist:innen dazu auf, das historische „Victory Red“ wiederzubeleben. Diesmal als nonverbales Signal gegen die Trump-Ära und als Bekenntnis zu Menschenrechten. Und nicht nur Frauen, sondern auch queere Communities greifen das Symbol auf: Denn Gleichberechtigung geht alle an, und Rot spricht eine Sprache, die jede*r versteht.

Ich gehe mir jetzt einen roten Lippenstift kaufen. 

Als ein kleines Zeichen mitten in meinem Gesicht, dass ich als Frau mutig durchs Leben gehe und es genau wie die Rosies schaffe, mich nicht unterkriegen zu lassen. 

Weil ich den kleinen und großen Ungerechtigkeiten den Kampf ansage. 

Und weil ich mich natürlich ein bisschen wie eine 1990er-Ikone fühlen will.

error: Content is protected !!