Das feministische Greenhorn

Projekt FlowerPower: “Neun Kinder, neun Aussegnungen.”

In dieser Folge erzählt uns Mohnblume von ihrer Mutter, einer vermeintlich schönen Geste bei der Kindstaufe und auf welchem mittelalterlichen Ritual diese beruht.

“Diese Geschichte erzählte mir meine geliebte Mama eines Tages, als ich wie jeden Freitag auf Besuch bei ihr war. Sie nahm dabei ein gefaltetes Blatt, es war ein Zeitungsausschnitt aus dem Sonntagsblatt, einer katholischen Zeitschrift, die meine Mutter immer gern las, aus der Tasche ihrer Schürze. Ich kannte meine Mutter nur mit bunter Schürze. Fast andächtig nahm sie das gefaltete Blatt auseinander und legte es vor mich hin. “Da lies”, sagte sie zu mir. Neugierig nahm ich den Zeitungsausschnitt in die Hand und las aufmerksam das Geschriebene. Ganz ehrlich, ich habe von diesen Ritualen in der Kirche vielleicht mal kurz und am Rande etwas gehört, aber die unendliche Erniedrigung und das beschämende Gefühl, das meine Mutter in diesen Momenten gefühlt hatte, konnte ich mir erst in diesem Moment, in dem meine Mutter mir es erzählt hat, vorstellen. Ich wusste ja auch nicht, dass unsere Mutter das nicht nur einmal, nein neunmal durchleben musste, weil sie ja neun Kinder geboren hatte. Ja, neunmal musste sie ausgesegnet werden.

Zu dem Zeitpunkt, als meine Mutter dieses Kapitel in ihrem Leben ansprach, das sie eigentlich nie verstanden hat und eigentlich stumm um eine Wiedergutmachung bat, die es für die unzähligen Frauen denen in dieser Zeit das Gleiche wiederfahren ist, nie gegeben hat. Auch deshalb will ich diese Geschichte weitererzählen. Nach jeder Geburt eines Kindes durften die Frauen die Kirche erst wieder betreten, nachdem sie mit einem dafür vorgesehenen Segen vom Pfarrer reingewaschen, gereinigt wurden. Der Empfang eines Kindes und die Geburt dessen hatte etwas Unreines an sich und natürlich wie so oft hat nur die Frau in den Augen der Männer etwas Schmutziges gemacht. Ich könnte schreien vor Empörung: Die Geburt eines Kindes etwas Unreines?? Wie beschämend musste es für meine Mama sein und für die unzähligen Frauen vor ihr gewesen sein, vor der Kirchentür zu stehen und erst nach erfolgtem Segen eingelassen zu werden. Und dann die empörte, aber tief in ihrem Inneren ganz traurige Frage: Und was ist mit meinem Mann, mit dem Vater meiner Kinder?? Hat er nichts Unrechtes, Unreines getan? Er durfte uneingeschränkt den Gottesdienst besuchen und brauchte natürlich keinen Segen, wen wundert’s? Wer hat wohl diese Rituale erfunden und wer hat wohl darauf geachtet, dass sie eingehalten wurden? Männer in schwarzen Roben.

Und ich habe es immer sehr schön empfunden, wenn uns der Pfarrer bei der Taufe unserer Kinder an der Kirchentür abgeholt hat und in die Kirche begleitet hat. Heute verstehe ich, dass dies noch ein Überbleibsel ist von einer unverschämten Demütigung unserer Mütter. Wir dürfen diese Dinge verzeihen, aber nie vergessen. Das sind wir diesen Frauen schuldig.”

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