Das feministische Greenhorn

Projekt FlowerPower: Lass meine Mädchen arbeiten!

Die erste Geschichte des Projekts FlowerPower hat mir Mohnblume erzählt.

Es geht um Blumen, Sünde und Gerechtigkeit.

„Es war in den 1960 Jahren in einem kleinen Dörfchen im Süden Südtirols. Ich kenne die Geschichte nur aus Erzählungen meiner älteren Geschwister. Ich war zu der Zeit gar noch nicht geboren. Aber ich habe diese Geschichte nie vergessen und möchte sie jetzt mit euch teilen. Es war ein Samstagnachmittag im Sommer und wie jeden Samstag musste der Blumenschmuck in der schmucken Kirche für den kommenden Sonntag hergerichtet werden. Unsere Familie verrichtete damals für viele Jahre den Messnerdienst und war deshalb auch immer für die Blumen in der Kirche zuständig. An diesem besagten Samstag hatten wir (ich natürlich noch nicht, ich bin ja noch mit den Mücken geflogen) auch auf unseren Bauernhof viel zu tun. Die Heuernte war in vollem Gange und meine vier Brüder mussten meinem Vater dabei helfen. So hatten meine älteren Schwestern die Aufgabe an diesem Samstag das Schmücken der Kirche zu übernehmen. Mit Freude und Eifer machten sie sich an die Arbeit. Sie füllten Vasen mit Schnittblumen aus Mutters Garten bemühten sich alles ganz festlich herzurichten. Meine Mutter hatte immer für mich den schönsten, buntesten Garten. Natürlich mussten sie zum Schmücken auch den Altarraum betreten, um die Blüten zu arrangieren. Aber was sie dann erlebten, haben sie lange nicht verstanden und bis heute nicht vergessen. Plötzlich stand der Pfarrer, der im Widum ganz in der Nähe der Kirche wohnte, im Gotteshaus. Er schrie meine Schwestern an, packte sie bei ihren langen, schwarzen Haaren und zog sie vom Altar herunter. Zornig erklärte er den erschrockenen Mädchen, dass Mädchen auf dem Altar nichts verloren hätten, ja es eine Sünde wäre. Meine Schwestern liefen weinend aus der Kirche auf die Wiese zu unserm Vater, der dort mit seinen Söhnen arbeitete. Unter Tränen erzählten sie ihm von den Geschehnissen in der Kirche. Mein Vater, der auch vor einem Hochwürden keine Angst hatte und immer für Gerechtigkeit eintrat, ließ trotz der Dringlichkeit der Heuernte, alles liegen und stehen und begab sich zur Kirche. Er nahm sich kein Blatt vor dem Mund und der Pfarrer, der bemerkte auch den Zorn in seiner Stimme Wortwörtlich sagte er zu ihm: „Herr Pfarrer, wenn sie morgen eine geschmückte Kirche wollen, dann lassen sie meine Mädchen ihre Arbeit verrichten. Ansonsten bleibt die Kirche ungeschmückt.“

Dem Pfarrer blieb der Mund offen und er verließ wortlos die Kirche. Seit diesem Tag durften meine Schwestern immer beim Schmücken mithelfen.“

Mädchen, Frau, Kirche, Sünde. Diese Worte hallen in mir nach, seitdem ich die Geschichte von Mohnblume gelesen habe. Ok, wir sprechen von einer Sache, die in den 1960er Jahren passiert ist und die Kirche (zumindest bei uns) noch ein bisschen anders funktionierte als heute.

Der Begriff „Sünde“ wurde damals nicht nur für moralisches Fehlverhalten benutzt, sondern auch als Machtinstrument. Frauen galten im kirchlichen Denken jahrhundertelang als näher an der Versuchung, näher am Körper, näher am „Unreinen“. Nicht, weil sie sündiger waren, sondern weil sie weiblich und daher, so glaubte man, „schwach“ waren. In dieser Logik spielte es keine Rolle, was die Mädchen taten. Sie schmückten die Kirche, dienten der Gemeinde, arbeiteten. Und trotzdem wurden sie – allein durch ihr Geschlecht – zu Sünderinnen erklärt. Dass ein Geistlicher Mädchen an den Haaren vom Altar zog, zeigt, wie selbstverständlich Macht über weibliche Körper ausgeübt wurde, und das im Namen Gottes. Die Sünde lag nicht im Verhalten der Mädchen. Sie lag in einem System, das Demütigung für legitim hielt, solange sie religiös begründet war.

Danke, liebe Mohnblume, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Alles Liebe für dich.

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