SuSi reist rückwärts: 1848
Ich gebe es zu: Als ich zu meiner ersten Reise ins Jahr 1848 aufgebrochen bin, bestand mein historisches Gepäck ungefähr aus drei Dingen: Revolution, Barrikaden, Paulskirche. Irgendwo mussten noch ein paar Fürsten herumstehen. Und natürlich wusste ich, dass am Ende alles irgendwie schiefging. Was aber genau dahintersteckte, war mir bis dato schleierhaft. Nach einigen Wochen mit Christopher Clark, Alexandra Bleyer und einem inzwischen ziemlich vollgeschriebenen blauen Büchlein weiß ich: Es war ein bisschen komplizierter.
Bevor es knallt: der Vormärz
Unsere Geschichte beginnt eigentlich schon 1814/15 beim Wiener Kongress. Nach den napoleonischen Kriegen wollten die europäischen Mächte vor allem eines: Stabilität. Monarchische Herrschaft sollte gesichert, ein neues Gleichgewicht zwischen den Mächten geschaffen und ein erneuter großer europäischer Krieg verhindert werden. Nur hatten die Menschen inzwischen angefangen, eigene Vorstellungen von ihrer politischen Zukunft zu entwickeln.
Im Vormärz verbreiteten sich liberale, nationale und demokratische Ideen. Teile der Bevölkerung verlangten Verfassungen, Bürgerrechte und politische Mitbestimmung. Dazu kamen wirtschaftliche und soziale Krisen, Armut, steigende Lebensmittelpreise und Missernten. Die Obrigkeit reagierte auf Opposition unter anderem mit Zensur und Überwachung.
Hambach: Jetzt wird es schwarz-rot-gold
1832 treffen sich beim Hambacher Fest Zehntausende Menschen. Sie fordern politische Freiheit, Bürgerrechte und nationale Einheit. Und auch Frauen sind ausdrücklich zur Teilnahme aufgerufen. Das hat mich aufhorchen lassen. Denn eine Frage sollte mich durch die gesamte Revolution begleiten: Wo sind eigentlich die Frauen? Spoiler: Sie sind da. Ständig. Man muss nur aufhören, ausschließlich nach den Männern zu suchen.
Paris serviert Revolution zum Festbankett
1848 springen wir nach Frankreich. Unter König Louis-Philippe darf nur eine kleine, wohlhabende Minderheit der Männer wählen. Die Opposition fordert eine Wahlrechtsreform, die Regierung blockiert. Also veranstaltet man Reformbankette: Essen, Trinksprüche, politische Reden und Forderungen nach Veränderung.
Als ein großes Pariser Bankett verboten wird, gehen am 22. Februar Menschen auf die Straße. Es folgen Barrikaden und Kämpfe. Zwei Tage später ist Louis-Philippe weg und Frankreich wieder Republik.
Meine wichtigste Entdeckung dort heißt George Sand. Die Schriftstellerin mischt sich politisch ein und schreibt für die junge Republik. Die Revolution erweitert schließlich das Wahlrecht erheblich. Aber natürlich nur für Männer.
Der arme Metternich
Und damit kommen wir zu einem Mann, den ich zunächst gern einfach in die Schublade „alter reaktionärer Spielverderber“ gesteckt hätte. Klemens Fürst von Metternich.
Nur funktioniert Geschichte leider selten so bequem. Metternich hatte die Französische Revolution, die napoleonischen Kriege und deren Folgen erlebt. Sein politisches Leitmotiv war deshalb Stabilität. Revolutionäre, liberale und nationale Bewegungen betrachtete er als Gefahr für die bestehende Ordnung und insbesondere für das Vielvölkerreich der Habsburger.
Also: kontrollieren, zensieren, überwachen. Fast drei Jahrzehnte versucht sein System, revolutionäre Bewegungen einzudämmen.
Am 13. März 1848 steht die Revolution schließlich in Wien. Studenten, Bürger, Handwerker und Arbeiter protestieren. Mein persönlicher Neuzugang im historischen Heldenregister, der Arzt Adolf Fischhof, fordert unter anderem Pressefreiheit, religiöse Gleichberechtigung und politische Reformen.
Die Lage eskaliert, Metternich tritt zurück und flieht. Der Mann, der sein politisches Leben damit verbracht hatte, Revolution zu verhindern, wird von einer Revolution aus dem Amt gefegt.
Dann wird aus Revolution Politik
Am 18. Mai 1848 tritt in der Frankfurter Paulskirche die erste gesamtdeutsche Nationalversammlung zusammen. Jetzt reicht es nicht mehr, „Freiheit!“ zu rufen. Plötzlich muss jemand erklären, wie diese Freiheit eigentlich funktionieren soll.
Die Abgeordneten beraten über Grundrechte, Verfassung und einen deutschen Nationalstaat. Ende 1848 entstehen die „Grundrechte des deutschen Volkes“, im März 1849 die Paulskirchenverfassung. Deutschland soll ein konstitutioneller Bundesstaat mit gewähltem Parlament und erblichem Kaiser werden. Die Abgeordneten bieten die Kaiserwürde ausgerechnet Friedrich Wilhelm IV. von Preußen an. Der Preußenking sagt Nein.
Nicht, weil ihm eine Kaiserkrone grundsätzlich missfallen hätte. Sondern weil eine von einer gewählten Volksvertretung angebotene Krone nicht seinem Verständnis monarchischer Legitimität entsprach.
Baden: Wenn zweimal scheitern noch lange nicht reicht
Und dann kam meine alte Heimat. Ich wusste natürlich, dass es eine Badische Revolution gegeben hatte. Ich wusste aber nicht, wie hartnäckig diese Badener waren.
1848/49 gibt es gleich mehrere revolutionäre Anläufe: Im April 1848 versucht Friedrich Hecker mit seinen Anhängern, die Republik durchzusetzen. Gescheitert. Im September versucht Gustav Struve es erneut. Wieder gescheitert.
1849 dann der dritte Anlauf. Diesmal schließen sich Teile des badischen Militärs der Revolution an. Großherzog Leopold flieht. Eine revolutionäre Regierung übernimmt zeitweise die Macht.
Und dann kommt wieder: der Preuße. Preußische und verbündete Truppen schlagen die Revolution militärisch nieder. Am 23. Juli 1849 kapituliert die Festung Rastatt. Es ist vorbei, zumindest militärisch.
Und jetzt endlich: die Damen
Eigentlich müsste dieser Abschnitt doppelt so lang sein wie alle anderen.
Denn ich habe während dieser Reise etwas gelernt: Frauen tauchen in der Geschichte nicht erst dann auf, wenn ihnen offiziell politische Rechte zugestanden werden. Sie sind längst politisch aktiv.
Da ist George Sand in Paris, da ist Amalie Struve, Republikanerin und Teilnehmerin der badischen Revolution, die verhaftet wird, 1849 weitermacht und später ihre „Erinnerungen aus den badischen Freiheitskämpfen“ veröffentlicht. Da ist Emma Herwegh, die für die Deutsche Demokratische Legion als Kundschafterin und Botin unterwegs ist, und last but not least Mathilde Franziska Anneke, Journalistin, Revolutionärin und spätere Frauenrechtlerin.
Und da sind all die weniger bekannten Frauen. Sie organisieren, sammeln Geld und Material, überbringen Nachrichten, versorgen Verwundete. Schreiben, demonstrieren, gründen und unterstützen Vereine. Einige beteiligen sich unmittelbar an den Kämpfen. Und während all das geschieht, dürfen Frauen die Frankfurter Nationalversammlung weder wählen noch selbst Abgeordnete werden.
Das ist der Widerspruch, den ich aus diesem Monat mitnehme: Frauen kämpften für Freiheit in einer Revolution, die ihnen selbst noch keine vollständige politische Freiheit zugestand.
Was bleibt von 1848?
Die Revolution scheitert. Aber dieser Satz ist mir inzwischen zu einfach. Die Paulskirchenverfassung kann nicht dauerhaft durchgesetzt werden. Die Aufstände werden niedergeschlagen. Viele Revolutionärinnen und Revolutionäre landen im Gefängnis, im Exil oder bezahlen ihren Einsatz mit dem Leben. Aber die Ideen verschwinden nicht: Verfassung, Grundrechte, parlamentarische Mitwirkung. Nationale Einheit, politische Öffentlichkeit.
Mein Reisegepäck
Durch diesen ersten großen Abschnitt begleitet haben mich vor allem zwei Bücher:
Christopher Clark: Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt.
Clark hat mir geholfen, 1848 nicht als isolierte „deutsche Revolution“, sondern als europäisches Ereignis zu verstehen – mit unterschiedlichen sozialen Gruppen, politischen Vorstellungen und Konflikten.
Alexandra Bleyer: 1848. Erfolgsgeschichte einer gescheiterten Revolution.
Schon der Titel beschreibt ziemlich gut, was ich nach diesem Monat denke. 1848 ist gescheitert, aber eigentlich doch nicht. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich diese Revolution am Ende so gepackt hat.
Bildangabe
„Ausbruch des Aufstands in Rastatt, 13. Mai 1849“, 1849, unbekannter Urheber, Sammlung Generallandesarchiv Karlsruhe (GLAK J-G-R/6), via Wikimedia Commons, Public Domain.