Schnörkelchen
Es war einmal ein Schnörkelchen, sah sich dazu berufen, die Geschichte auszuufern. Es suchte sich die Zeilen, wollte sie verfeinern, sie schmücken, um den Leser zu entzücken. Es rankte, es wankte, es zankte, verschlankte – oh nein, um Himmels Willen, zirpten die Grillen, das darf nicht sein, die Schriften müssen wachsen und gedeihn!
Das Schnörkelchen flirrte und verwirrte, verdrehte und verwehte, suchte Adjektive, mal filigran, mal ziseliert, mal barock, dann blumig, elegant und schwülstig, dann wieder taumelnd und verschwenderisch, zeichnete es umher zwischen all den Worten, ohne Kommata und mit der großen Angst im schlanken Nacken endlich auf den Punkt zu kommen, des Pudels Kern zu finden, die wahre Aussage zu erhaschen, sich abzuheben von all den Flaschen, die so schnörkellos und unverblümt das Ende fanden, bevor es richtig losgegangen.
Schörkelchen war glücklich, himmelhoch jauchzend, sprang es umher, ein wenig hier, ein wenig da, den Satz verlängernd, in alle Ewigkeit, auf dass er nie enden wolle und sich verstricke, bis es niemand mehr blicke, worum es eigentlich ging, am Satzanfang, bevor es sich verfing in listige Substantive. Satzgirlanden, Ornamente, Schleifen und Kurven, die Wirbel um die schöne Landschaft, den Sonnenuntergang über der rauschenden Gischt, dem melancholischen Monde über dem Fjorde, dem Alpenglühen und seinen eisigen Winden, wollte nichts unterbinden, was dem Leser versetzte in Verzücken.
Doch dann, mitten in der xten Kurve um die hundertste Schleife, wurde das Schnörkelchen müde. Tief schnaufend saß es da. Ich kann nicht mehr, sagte es zur Wortspirale, ich geh jetzt lieber in die Zielgerade. Meine Geschichte braucht einen Schluss, sonst krieg ich vom Verleger einen auf die Nuss. Ich hör jetzt auf. Ein paar wenige Worte noch, nur kurze Lösungen und ein bisschen Klarheit.
Und die Moral von der Geschicht? Übertreib es mit den Schnörkeln nicht!